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Rock / Heavy Metal 02.09.2026

Hörst du meins, hör' ich deins: Paramore vs. Sonic Youth

Florian Schneider hört: Paramore – “Brand New Eyes”

Nicola Drilling hört: Sonic Youth – “Dirty”

FS: Erst vier Punkte, dann zwei: Kim Gordons jüngste Soloalben haben im Soundcheck bei dir einen schweren Stand. Als “Dirty” 1992 erschien, waren Sonic Youth auf dem gleichen Majorlabel wie Nirvana, als deren Entdecker sie damals ein wenig galten. Und Kim Gordon war eine der coolsten Personen der Alternative Nation. Was genau triggert dich so an ihr?

ND: Mein größtes Problem mit ihr ist eins, das sich nicht beheben lässt: ihre Stimme und ihre Art zu singen. Für mich klingt sie stets, als steckte sie mitten in einem Asthmaanfall. Dazu höre ich eine unterschwellige Panik raus – als hätte sie jemand gegen ihren Willen vors Mikro gezerrt. Im Kontext von Sonic Youth, insbesondere von “Dirty”, komme ich mit ihrer Art besser klar, auch wenn mich die Songs mit Thurston Moore am Gesang mehr ansprechen. Aber immerhin: “Orange Rolls, Angel’s Spit” ist wohl der erste Song mit Gordon als Sängerin, der mir zusagt. Wie sieht es denn bei dir aus: Ist dir Moore als Sänger lieber als Gordon? Oder doch eher Lee Ranaldo?

»Mich werden in diesem Leben keine zehn Pferde auf ein Konzert von Kim Gordon bringen.«

Nicola Drilling

FS: Gordons Art zu singen, ist eigen, da gebe ich dir Recht. Aber letztlich ist es genau das, was Punk immer versprochen hat: Jeder kann Musiker sein. Wenn es um Sonic Youth geht, wechselt es immer mal wieder. Als “Dirty” rauskam, habe ich mich mit den Songs, die Gordon singt, schwerer getan. Bei einem Stück wie “(I Love You) Mary Jane” vom “Judgment Night”-Sampler, der nur ein Jahr später erscheint, ist es für mich aber genau dieses Asthmaanfall-artige ihres Gesangs, was für mich den Song ausmacht. Beim Erstkontakt mit Sonic Youth war zunächst Ranaldo mein Lieblingssänger. Seine Art zu singen, ist vermutlich die konventionellste im Kontext der Band. Aber um Konventionen ist es Sonic Youth nie gegangen. Aber selbst als Vorreiterin und Role Model spricht Gordons Musik nicht zu dir? Ich meine, sie ist jenseits der 70 und macht Alben, die jetztzeitiger klingen als das Gros der Platten, die ihre gleichaltrigen männlichen Kollegen fabrizieren. Selbst die Alben von Thurston Moore nehmen sich gegen ihre wie ein Ausflug ins Indierock-Bällebad aus.

ND: Als Vorreiterin respektiere ich Gordon auf jeden Fall. Schon allein, weil man bei vielen Bands heutzutage den Einfluss von Sonic Youth hören kann. Auch dass sie weiterhin Spaß daran findet, sich mit ihrer Musik auszuleben und anscheinend keinen Wert auf die Massentauglichkeit ihrer Kunst legt, gefällt mir. Für mich bleiben ihre Solo-Ausflüge aber trotzdem ein Fall von „Bitte ganz hinten im Regal einordnen“. Mich werden in diesem Leben jedenfalls keine zehn Pferde auf ein Konzert von ihr bringen. Um aber mal einen Moment bei einflussreichen Frontfrauen zu bleiben: Das Album, das ich dir vorstellen will, ist “Brand New Eyes” von Paramore. Ihren Durchbruch feierte die Band mit dem Vorgänger “Riot!”. Der Druck, einen ähnlich guten Nachfolger zu erschaffen, führte aber fast zu ihrer Auflösung. Letztlich führen Paramore ihren Alternative Rock auf “Brand New Eyes” weiter, richten sich aber stärker in Richtung Pop-Punk und Emo aus. Besonders in Erinnerung geblieben ist den meisten meiner Generation wohl “Decode”, das auf dem Twilight-Soundtrack zu finden ist. Wie sehen deine Berührungspunkte mit Hayley Williams & Co. aus?

»Nach drei oder vier Songs denke ich: Okay, das ist jetzt einfach noch mehr vom selben.«

Florian Schneider

FS: Abgesehen vom verdienten Hype um Williams’ Soloalbum im vergangenen Jahr, beschränken sich meine Berührungspunkte mit Paramore auf einen der vielen Teile von “Guitar Hero”. Kann aber auch sein, dass ich da Paramore mit Panic! At The Disco verwechsle. Fängt immerhin auch mit P an. Gesanglich kann man Gordon nicht mit Williams vergleichen. Wobei ich sicher bin, dass Gordon nie vorhatte, im klassischen Sinne schön zu singen. Ein bisschen habe ich bei “Brand New Eyes” den Eindruck, die Band muss sich ins Zeug legen, um neben ihrer Sängerin ansatzweise bestehen zu können. Sie ist das Zentrum der Songs. Mein Problem mit dieser Art von Alternative Rock ist meist, dass ich nach drei oder vier Songs denke: Okay, das ist jetzt einfach noch mehr vom selben. Da lässt meine Aufmerksamkeit schnell nach. Was ich aber super finde, ist, wie Williams ihr Soloalbum im vergangenen Jahr veröffentlicht hat. Also erst alles auf ihre Website zu stellen und nach und nach auf den Streamingdiensten. Sie hat es sich auch nicht nehmen lassen, ihrem ehemaligen Label Atlantic einen mitzugeben. Das würde Kim Gordon bestimmt gut finden. Ich muss gestehen, mit Williams Texten habe ich mich nicht intensiver auseinandergesetzt, aber zunächst muss die Musik ja zu einem sprechen.

ND: Ja, Williams stimmliche Leistung stand schon immer über dem Rest der Band. Das war auch auf dem Debüt so. Als Paramore das veröffentlicht haben, war Williams erst 16 Jahre alt. Besonders in den frühen 2010ern fehlte es im Emo und Pop-Punk an Female-Fronted-Bands, und Paramore zählten zu den bekanntesten Genre-Vertretern, neben – da sind sie wieder – Panic! At The Disco und My Chemical Romance. Dass Williams quasi auf der Bühne erwachsen geworden ist, spiegelt sich auch in ihrer Musik und ihren Texten wider. Für einen Teenager kann es kaum passendere Songtexte geben. Faszinierend an Williams’ Soloalbum finde ich, dass sie einen Schritt zurückgegangen ist und zumindest zwischenzeitlich von konventionellen Songstrukturen und perfektionistischem Gesang Abstand genommen hat.

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